Chor des Bayerischen Rundfunks
VINETA – Vokale Visionen

Transforming a concert experience into a music film for TV screens.

Die Reise

Vineta ist das "Atlantis" der Ostsee: eine sagenumwobene versunkene Stadt. Der Chor des Bayerischen Rundfunks hatte eines seiner umjubelten Themen-Konzerte Vineta gewidmet. Die Aufgabe war nun, dafür ein innvoatives Fernsehformat zu entwickeln.

Die Idee

Der entscheidene Punkt war, die zunächst naheliegende Assoziation "Wasser" komplett auszuschließen. Vineta wurde für uns zur Chiffre für versunkene Gesellschaften, also ein soziologisches Phänomen – kein maritimes. Untergang durch Naturkatastrophen, Krieg, aber auch durch politische und wirtschaftliche Entscheidungen.

Die Musik eignet sich nicht, das Meer in den Mittelpunkt zu nehmen. Die wichtigen Themen Klimawandel oder Meeresverschmutzung werden wir in einem anderen Projekt bearbeiten.

  • Alfred Schnittke
  • Jaako Mäntyjärvi
  • Johannes Brahms
  • Eriks Esenvalds
  • Frank Martin

Das Studio

Die Bildwelten entwarfen wir für eine 270° Projektion im Studio. Das kam unserer Erfahrung entgegen, komplette Räume zu gestalten. Wir konnten den Chor in virtuelle Landschaften tauchen, die sich zur Musik beständig verändern.

Das bedeutete gleichzeitig: Wir mussten spezielle Heausforderungen an Format und Art der Bilder, Kameraführung und Regie berücksichtigen. Vieles, was man sich am Schreibtisch ausdenkt, entwickelt in der Verbindung von Musik und Raum eine ganz eigene Dynamik.

Den ursprünglichen Plan, viel Bewegtbild einzusetzen, reduzierten wir bald radikal. Die Bewegungen und Übergänge in den Bildwelten wurden mit jedem Arbeitsschritt langsamer und fliessender, um von der Musik nicht abzulenken. Gleichzeitig ist jedes Bilddetail auf die jeweilige Musik und den Kontext abgestimmt.

Dazu sang der Chor zum ersten Mal in seiner Geschichte während der Studio-Produktion Playback.

Zum Einsatz kam modernste digitale Kameratechnik. Nur so konnten in der Postproduktion die starken Kontraste fürs Fernsehen umgesetzt werden.

Drehorte

Unsere Drehorte fanden wir über die Welt verstreut. In Angkor Wat wachsen gigantische Bäume über Tempelanlagen; in Namibia holt sich die Wüste einen ganzen Ort zurück; in Pompeji veschüttete der Vesuv das Leben, und die japanische Geisterinsel Hashima unweit von Nagasaki ist ein Kapitel für sich.

Mitten in der Produktionsplanung wurde Vineta brutale Wirklichkeit: Die Fukushima-Katastrophe geschah, und weite Küstenstriche Japans wurden zerstört. Das ganze Projekt stand plötzlich auf der Kippe. Was tun? Exakt ein halbes Jahr nach der Katastrophe reisten wir mit japanischen Freunden in das Tsunami-Gebiet und beteiligten uns an den Aufräumarbeiten. Hierbei entstanden die verstörend schönen Bilder für Jaako Mäntyjärvis ebenso verstörend schönes Requiem auf den Untergang des Fährschiffs Estonia.

Die Bilder

Alfred Schnitte: 
Stimmen der Natur

Ein magisches Stück: es besteht nur aus dem Summen der Sänger, die Stimmen mischen und verflechten sich. Das ist die Verbindung zu den gewaltigen Baumwurzeln, die sich wie Krakenarme um die Tempelreste in Angkor Wat schieben. Der Kontrast aus dem lebendigen Holz und dem behauenen Stein ergibt eine seltsame Einheit: eine neue, nicht beabsichtigte Wirklichkeit. Die Stimmen wehen wie das ferne Echo einer untergegangenen Zivilisation in den Baumwipfeln.

Johannes Brahms:
Vineta

Brahms erzählt die Sage von Vineta. Seine Gesänge sind der Kristallisationspunkt für die restlichen Stücke. Im Text scheint das Geisterhafte durch, aber auch die Kritik an einer maßlosen und überheblichen Gesellschaft – dafür sind die Ruinen von Pompeji eine Projektionsfläche. Die berühmten, mit Gips ausgegossenen Toten tauchen als Reminiszenz des barocken "Memento mori" auf: Vergiss nicht auf den Tod.

Jaako Mäntyjärvi:
Canticum calamitatis maritimae

Der beklemmenden Magie dieses Stückes kann sich kaum jemand entziehen. Es beginnt mit dem Monolog der lateinischen Nachrichten vom Untergang der Estonia 1994, bei dem 852 Menschen ums Leben kamen. Hier war die Herausforderung am größten, im Respekt vor den Opfern eine künstlerische Umformung zu finden: ohne zu banalisieren.

Wir haben dafür unsere unmittelbaren Eindrücke im Tsunamigebiet Japans verarbeitet. Über weite Flächen nur noch Kies, wo ein halbes Jahr vorher noch Kleinstädte standen. Aus allen Landesteilen kamen Freiwillige in Bussen angefahren, um gemeinsam aufzuräumen. Die Arbeit, oft nur symbolisch, war auch eine Grenzüberschreitung: Ohne es zu wollen, drang man in den privaten Lebensbereich der Opfer vor, ein Wohnzimmer, die Plattensammlung, Kinderspielzeug.

Die Wucht des Wassers hatte beides zerstört: individuelle Schicksale aber auch soziale Strukturen. Häuser können wieder aufgebaut werden. Eine Stadt muss erst wieder wachsen. 

Eriks Esenvalds:
Vineta

Wie ein Kriegsschiff liegt die Insel Hashima vor der Bucht. Sie war einer der am dichtesten besiedelten Orte der Welt. Seit 1974 ist sie komplett unbewohnt. Es gibt in Esenvalds "Vineta"-Vertonung einen Moment, da beschreibt die Musik, wie sich der Himmel verzaubert. Das tut er auch in unserer Visualisierung. Der Himmel über der von Menschen gemachten Insel beginnt rot zu glühen: kein Kitsch, sondern Verweis auf den Atombombenabwurf 1945 über der unweit gelegenen Stadt Nagasaki.

Frank Martin
Ariel-Gesänge

Ariel ist eine Figur aus Shakespeares "Sturm" – ein flirrender Luftgeist, so wenig greifbar wie der feine Wüstensand in der Luft Namibias: In der ehemaligen Kolmannskuppe gruben einst Deutsche nach Diamanten, längst hat die Wüste wieder alles geflutet. Und beharrlich glättet sie alle Spuren, die auch Besucher hinterlassen. Ein Ozean aus Sand.

Die Zwischentitel

Die Sage von Vineta, auf wenige Sätze kondensiert, verbindet die einzelnen Stücke. Dafür haben wir Bildtafeln gestaltet und animiert, um nicht in die Seherwartung von Reisereportagen zu fallen: Was wir zeigen in Bis und Musik sind Kunst-Welten, auch wenn sie in jeweils reale Gebiet ihre Anker werfen.